Storytelling

 "Das ist ja eine wahre Folterkammer", stöhne ich in Gedanken vor mich hin, während ich weiter versuche, die Gewichte aus liegender Position mit den Händen nach oben zu stemmen. Unmöglich. "Sind die in der Halterung festgeschraubt?" Ich wische mir Schweißperlen von der Stirn. Also gut. Ein Versuch noch. Ganz nach meiner Devise "Geht nicht - gibt's nicht." Geht nicht - gibt's doch!!?

Ich öffne die Augen und Wogen der Erleichterung durchfluten meinen Körper. Ich halte nicht die Stange mit den Gewichten, sondern die Bettdecke krampfhaft fest. (Die stemme ich locker :-)) Ins Schwitzen bin ich allerdings tatsächlich gekommen, merke ich an meiner Stirn. Bloß die Muskelmasse hat sich nicht verändert, so viel können Albträume dann doch nicht bewirken.

Die Sonne blinzelt durchs Fenster, ich sehe auf die Uhr. Schon Sieben! Heute ist?? Montag! Ich greife nach dem Smartphone, taste aber ins Leere. Ah ja, stimmt, das habe ich ja vom Nachttisch verbannt. Also gehe ich in Gedanken durch: 10 h Termin mit Webdesigner, 11.30 Skype-Coaching Frau Berger, da brauche ich vorher noch Zeit, mir die Auswertung ihres Stoffwechselscreenings im Detail anzusehen. 14 h Steuerberater in Wien, der will sein Betriebliches Gesundheitsmanagement neu aufstellen. Dann waren da noch zwei Termine in Wien.... Die habe ich allerdings nicht mehr im Kopf. Also raus aus den Federn!

"Susanne , bist du im Bad? Susanne? Nein, da ist sie nicht. In der Küche? Auch nicht. Susanne? Ich sehe im gesamten Stockwerk nach. Das gibt's doch nicht! Ich sehe aus dem Fenster. Nein, Ihr Auto ist auch nicht da. Aber sie hatte doch keinen Auswärtstermin für heute Vormittag geplant! Ich sehe am Esstisch nach - nein, auch keine Nachricht für mich. Auch der übliche morgendliche Kaffeeduft - nicht da! Während der Morgentoilette versuche ich drauf zukommen, wo sie sein könnte. Hat sie mir es eventuell gestern ohnehin gesagt und ich habe nur mit einem Ohr hingehört?

Ich gehe nach unten. Aber nicht in mein Arbeitszimmer sondern direkt in den Bürotrakt. Susanne? Kein Licht, PC nicht an. Seltsam. Gut. Dann frage ich Isabella, sie wird sicher Bescheid wissen. Isabella? Kein Licht, kein PC an. Es ist knapp vor 8, normalerweise ist sie um 7.30 an ihrem Arbeitsplatz. Ein Zimmer weiter sitzt Rudi. Nein, heute auch nicht! Nur an dem üblichen Chaos merkt man eindeutig, dass das sein Arbeitsplatz ist.

Schlafe ich noch immer? Ist das ein weiterer Albtraum? Reinhard Meyer von Ehefrau und allen MitarbeiterInnen verlassen? Nein, ich bin hellwach und stürme nochmals in den ersten Stock. Vom Erker sieht man Richtung Parkplatz. Und da steht tatsächlich kein einziges Auto!!

Ich hole mein Smartphone von der Kommode und drücke auf Susannes Nummer. Tuut ...tuut... tuut,..... Keine Reaktion, nur der AB meldet sich irgendwann. Zumindest auf den ist Verlass.

Irgendwie mischt sich jetzt schon leichter Ärger in meine Ratlosigkeit. Das ist doch keine Art! Isabella nimmt ebenso wenig ab, bei Rudi versuche ich es erst gar nicht.

Es ist Montagmorgen, Beginn einer neuen Arbeitswoche, knapp nach 8 - und Reinhard Meyer ist unrund. Die werden doch wohl keinen Betriebsausflug geplant haben, ohne mich? Oder ist das gar der Beginn eines Arbeitsstreiks? Kann ich auch nicht glauben. Jedenfalls - so geht's wirklich nicht. Ich finde das nicht mehr lustig.

Letzte Chance für euch, meine Lieben, bevor ich richtig unrund werde. Ich werde meine Emails checken, sage ich in Gedanken auf dem Weg in mein Arbeitszimmer. Entschlossen heftig öffne ich die Tür und ....traue meinen Augen nicht!

"HAPPY BIRTHDAY TO YOU, Happy Birthday to you..." tönt ein dreistimmiger Chor aus voller Seele!! Ein Sektkorken knallt, eine Torte mit brennenden Kerzen wird mir entgegengehalten. "Herzliche Glückwünsche zum Geburtstag, Reinhard!"

Es war der Tag, an dem ich meinen Geburtstag vergessen hatte.

Später dann, nach netten Glückwünschen, Geschenken und Zu-Prosten, möchte ich mich bedanken. "Meine Lieben, zuallererst möchte ich mich entschuldigen. Bei dir, Susanne, bei dir, Isabella und bei dir, Rudi. Ich habe euch in Gedanken alles Mögliche "unterstellt", dabei habe ich meinen Geburtstag vergessen! Ich, der dem Wort "Vitalität" eine neue Bedeutung gegeben hat und der diese Bedeutung in die Welt hinaustragen möchte - ich habe es innerhalb einer Stunde geschafft, meine eigene Vitalität Richtung Nullpunkt zu bewegen!

Holt eure Jacken - die Sonne scheint! Lasst uns den Tag mit einem kurzen gemeinsamen Spaziergang beginnen!"